Meine Liebe zur russischen Sprache

Häufig werde ich gefragt, warum Russisch, warum Russland, woher das Interesse an diesem kalten Land. Meine Antwort lautet dann meist, dass Russisch nicht nur in Russland gesprochen wird, das Land im Sommer ganz schön warm werden kann und dass die Herzenswärme meiner dortigen Freunde und Bekannte entscheidend ist, für alles andere gibt es schließlich Wollsocken!

Hier möchte ich trotzdem von meinen ersten Annäherungsschritten mit der russischen Sprache und ja, auch mit Russland, beschreiben:

Die allererste Berührung war reiner Zufall: Schüleraustausch 2004 in Moskau im Sommer, riesige Stadt, ein ziemlich heißer Sommer, als kaltes Land habe ich Russland damals nicht erlebt und danach auch nur ganz selten und nur im Winter. Der Schüleraustausch war sehr schön, das erste Mal ein Visum beantragen, alleine fliegen, alleine in einem „fremden“ Land: Meine Gastfamilie war so nett, dass ich mich gar nicht fremd fühlte.

Um Russisch richtig zu lernen, reichte der Austausch nicht aus. Nach dem Abitur ging es deshalb für ein Jahr nach Sankt Petersburg zur Menschenrechtsorganisation Memorial. Hier half ich älteren Omis im Haushalt, trank sehr viel Tee und lernte russische Suppen zu kochen. Die älteren Damen waren Überlebende des Stalinistischen Terrors; sie saßen entweder selbst in einem Lager oder ihre Eltern. Ich lernte ihre Geschichten kennen und damit die Geschichte der Sowjetunion. Die Geschichte, die zu diesem Zeitpunkt bereits umgedeutet wurde und Stalin als „effektiven Manager“ darstellte. Memorial geht gegen diese Geschichtsverdrehung an. Eine meiner Omis war Tamara Petkewitsch, eine Schauspielerin, die in Zentralasien im Lager war. Im März gab sie Radio Liberty/Radio Free Europe ein Interview über die Repressionen, den März 1953 und wie Russland heute den Roten Terror betrachtet. Hier können Sie das Interview in deutscher Sprache lesen.

Diese Erfahrung und allgemein mein Leben in Sankt Petersburg haben mich so sehr geprägt, dass ich daraufhin beschloss, der Sprache mein Studium und damit einen großen Teil meines Lebens zu widmen. Verständigung ist von essentieller Bedeutung, in der heutigen Situation umso mehr.

Dieses „kalte Land“ ist nun seit einigen Jahren ein Land, in dem ich mich jedes Mal, wenn ich dort bin, sehr schnell wie zuhause fühle. Dennoch bereiten mir die Entwicklungen im Land große Kopfschmerzen. Wie sehr wünsche ich mir, dass Russland aufhört, Krieg in der Ukraine zu führen und in Syrien nicht die Zivilbevölkerung bombardiert. Dass in Russland alle Menschen, ganz egal welcher Hautfarbe oder sexueller Orientierung ohne Angst auf die Straße gehen können. Dass RentnerInnen eine Rente bekommen, die es ihnen ermöglicht zu leben. Und dass NGOs, die die Gesellschaft voranbringen wollen, nicht mehr als „ausländische Agenten“ diffamiert werden. Ich wünsche mir ein Russland, in dem Menschen gerne leben.

 

 

 

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