Wie ich zu meinen Fachgebieten kam

Ich werde immer wieder gefragt, wie ich zu meinen Fachgebieten gekommen bin und frage mich auch selbst immer wieder, ab wann ich ein Gebiet als Fachgebiet bezeichnen kann. Reicht ein Semester an der Uni dafür? Eine Fortbildung? Oder ein Volkshochschulkurs? Das ist nicht so einfach zu beantworten, denn es gibt keine klaren Regeln, ab wann ich ein Fachgebiet als mein Fachgebiet bezeichnen kann.

Eines meiner Fachgebiete ist das Asylrecht. Während des Studiums habe ich in einer Asylrechtsberatung gedolmetscht. Auf meinen ersten Dolmetscheinsatz habe ich mich tagelang vorbereitet. Ich musste den Asylprozess verstehen und die Situation im Herkunftsland einigermaßen kennen: Vor wem oder was könnte die Person geflüchtet sein? Was könnte sie dort erlebt haben? Welche Namen von Machthabern oder von Organisationen könnten im Gespräch genannt werden? Mit diesen Fragen habe ich mich beschäftigt – in beiden Sprachen, in die ich dolmetschen sollte. So habe ich mich nicht nur inhaltlich vorbereitet, sondern auch sprachlich. Doch mit dieser Vorbereitung war erst der erste Schritt getan. Damit war Asylrecht noch lange nicht mein Fachgebiet. Damit konnte ich nur dieses erste Gespräch zufriedenstellend dolmetschen.

Nach diesem Gespräch kamen weitere Gespräche. Ich habe mich weiterhin gut auf die Gespräche vorbereitet, habe Gesetzestexte gelesen, den Diskurs zur Asylgesetzverschärfung verfolgt und ja, weil ich das so schreibe, habe ich auch eine eigene Position dazu gefunden – und das geht über das Dolmetschen hinaus. Aber als ich verstanden hatte, was das Asylrecht beinhaltet, wie unterschiedliche Konventionen damit zusammenhängen, hatte ich selbst das Gefühl, mich auszukennen. Dadurch ist es zu meinem Fachgebiet geworden.

Ich kann jetzt in unterschiedlichen Gebieten des Asylrechts dolmetschen. Ich kann Beratungsgespräche dolmetschen und Einvernahmen, prinzipiell könnte ich auch bei Abschiebungen dolmetschen – das Vokabular und die dazugehörigen Fachkenntnisse habe ich – allerdings kann ich das aus Überzeugung nicht.

Damit ein Fachgebiet ein Fachgebiet bleibt, beschäftige ich mich laufend damit. Ich lese Artikel dazu, schaue Dokumentationen und besuche Fortbildungen. Ohne das regelmäßige Beschäftigen mit dem Fachgebiet, ist es sehr schnell gar kein Fachgebiet mehr!

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